Aktivitäten / Fotos    -    2017/18

Wenn aus Fremden Freunde werden. (19.10.2017)

Projekt der Salier-Grundschule mit katholischer und evangelischer Kirchengemeinde:

Wie es ist, sich fremd zu fühlen.

Waiblingen. Wie kommen Kinder eigentlich mit Fremdem und Ungewohntem klar? Diese Frage stellten sich Lehrerinnen und Lehrer der Salier-Grundschule. Gemeinsam mit zwei Waiblinger Kirchengemeinden rief die Schule ein Projekt zum Thema ins Leben.

Mit der evangelischen Kirchengemeinde Johannes unter dem Kreuz und der katholischen Kirchengemeinde Maria unter dem Kreuz beschäftigten sich zwei Schulvormittage lang rund 200 Kinder mit einem indianischen Sprichwort. Das lautet sinngemäß: Verurteile keinen anderen Menschen, ehe du nicht drei Monde lang in seinen Mokassins gegangen bist. In einer Pressemitteilung berichtet die evangelische Kirchengemeinde von dem Projekt.

Treff- und Sammelpunkt war das Ökumenische Haus der Begegnung im Schwalbenweg. Dort wurde gemeinsam gesungen und gespielt und von hier aus verteilten sich die Schüler zu einzelnen Aktionen in die Räume des Ökumenischen Hauses, des Jugendhauses und in die Klassenzimmer der Grundschule.

Gespannt verfolgten die Kinder in den Arbeitsgruppen die Geschichte der Noomi, die zusammen mit ihrem Mann Elimelech und ihren beiden Kindern aus Bethlehem auswandern muss, weil es dort aufgehört hat, zu regnen. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich einfach so weggehen müsste von allem, was mir lieb und vertraut ist? Was könnte ich dann mitnehmen? Nichts als die Familie, eine Jacke und eine Tasche, folgert eine Gruppe realistisch. Nur die Lieblingspuppe und das Lieblingskuscheltier. Alles andere muss dableiben. Und ein Tablet oder ein Handy. Nicht nur zum Spielen, sondern vor allem, weil man doch nur so Kontakt halten kann zu denen, die nicht mitgekommen sind. Und was würde zurückbleiben? Alles, woran man gewohnt ist, vielleicht sogar Oma und Opa, wenn die zu alt sind für die Wanderung. „Man kann sterben unterwegs“, habe ein Kind leise gesagt, heißt es in dem Text. In dieser Kleingruppe seien einige Experten gesessen. Knapp die Hälfte der 15 Kinder hatten einen Migrationshintergrund. Die Kinder machten lange Gesichter. Am neuen Ort sei alles fremd: Man kennt sich nicht aus, versteht die Sprache nicht, hat keine Freunde, keine Wohnung, keine Heimat. Die Schule ist anders und dauernd wird man ausgelacht, weil man vieles noch nicht so gut kann. Einige haben das selbst erfahren, alle können es sich vorstellen. Aus Filz nähten sich die Kinder dann bunte Pantoffeln, Mokassins, in denen man tatsächlich eine Zeit lang umhergehen kann, um sprichwörtlich zu erspüren, wie es anderen geht. Es entstanden auch Brillen mit bunten Gläsern. Mit jeder sah man die Welt anders. Die Schlussfolgerung: Es gibt keine eindeutige, für alle gültige Sicht auf das Leben.

Am zweiten Tag wollten die Söhne der Noomi Moabiterinnen heiraten, und wieder begegnen die Kinder der Frage, was vertraut und was fremd ist, wer wohin gehört, und ob Fremdes eine Gefahr oder eine Bereicherung bedeutet. „Sie sollen heiraten! Hauptsache, sie haben die Frauen lieb!“ schrieb eine Gruppe auf und freute sich darüber, dass die Familie der Noomi wegen der unterschiedlichen Traditionen künftig doppelt so viele Festes feiern könne. Schließlich gebe es eine Hochzeit und, von den Kindern liebevoll entworfen, viele Grußkarten der Freunde aus Bethlehem.

Ein freiwilliger Familiengottesdienst am Sonntag rundet die Projekttage ab. Wie an den Tagen zuvor gaben die Kinder sich zum Abschluss die Hände und sangen in einer Mischung aus Begeisterung und Ernst: „Hand in Hand, Hand in Hand knüpfen wir ein Freundschaftsband.“

Kommen Kinder mit Fremdem klar? Über 30 Mitarbeitende, zusammengesetzt aus Lehrkräften der Salier-Grundschule, Mitarbeitern der Kirchengemeinde und der evangelischen Gemeindejugend und Jugendlichen aus der Konfirmandenarbeit haben das Projekt begleitet. Zum Schluss stellten sie gemeinsam fest: Wie aus Fremden Freunde werden können, machen Kinder den Erwachsenen oft beispielhaft vor.

WKZ 19.10.2017